Ein Spaziergang zum Abschied
Über zehn Jahre hat Ralf als Verkäufer des Straßenmagazins das Bild von bodo geprägt. Für viele von uns ist er in dieser Zeit mehr als nur ein Arbeitskollege geworden. Am 19. Februar ist Ralf an den Folgen eines Gewaltverbrechens gestorben. Bei einem Trauerspaziergang durch die Dortmunder Innenstadt haben wir seiner gedacht.
Text und Fotos: Sebastian Sellhorst
„Als uns die traurige Nachricht von Ralfs Tod erreichte, war sofort klar, dass wir irgend etwas machen wollen, um uns an ihn zu erinnern. Fast jeder in der Dortmunder Verkäuferschaft kannte und schätzte ihn“, sagt bodo-Sozialarbeiter Lutz Rutkowski, während er vor dem Dortmunder Buchladen Kerzen und Tulpen verteilt. Mehr als 40 bodo-VerkäuferInnen, KollegInnen und Freunde von Ralf sind gekommen. „Da er in einer Klinik in Bonn verstorben ist, findet dort auch die Beisetzung statt. Ein Trauerspaziergang zu seinem Verkaufsplatz hier in Dortmund erschien uns passend, da Ralf selbst immer viel unterwegs war.“
Die Bestürzung war groß, als wir Ende letzten Jahres erfuhren, dass Ralf im Dortmunder Hauptbahnhof Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war. „Als ich ihn in den darauffolgenden Wochen mit einer Karte aus der Verkäuferschaft im Klinikum Mitte besuchen konnte, war er nicht ansprechbar“, erinnert sich Sozialarbeiter Lutz Rutkowski. Nach einigen Wochen wurde er in eine Reha-Klinik nach Bonn verlegt. Sein Gesundheitszustand war damals weiterhin kritisch.
Ende Februar erreichte uns dann die traurige Nachricht, die die ganze Verkäuferschaft erschütterte: Ralf ist an seinen schweren Verletzungen verstorben. „Natürlich fragt man sich immer nach dem Warum, und wie so etwas passieren konnte. Aber das Schlimme ist doch, dass er nicht mehr da ist“, sagt Petra, die ein laminiertes Porträt von Ralf dabei hat.
Der Spaziergang beginnt am bodo-Buchladen am Schwanenwall. Von dort geht es über den Westenhellweg und den Alten Markt bis zum Hauptbahnhof und zur Katharinentreppe. Viele Menschen bleiben stehen, fragen nach oder schließen sich für ein paar Schritte dem Zug an. Manche kannten Ralf persönlich, andere erinnern sich an die Berichterstattung über die Tat. Für viele war er über Jahre Teil des Stadtbildes. Er gehörte zu den Menschen, die man in der Innenstadt immer wieder traf und mit denen man ein paar Worte wechselte.
Auch wenn er eine Wohnung in Herne hatte, war Ralfs Lebensmittelpunkt Dortmund und das Klinikviertel. Fast jeder kannte ihn dort. Nach Bekanntwerden seines Todes wurden vor dem Bäcker, an dem er gelegentlich das Straßenmagazin anbot, Blumen, Kerzen und ein Foto von ihm aufgestellt. Auch die betroffenen Zuschriften, die uns per Mail und auf Social Media erreichten, machten uns klar, wie viele unterschiedliche Menschen Ralf berührt hat. Bei einer Aktion mit Weihnachtswünschen schrieb er einmal auf sein Plakat: „Im Du das Ich finden.“ Ein Satz, der seine offene und empathische Art wohl kaum besser beschreiben könnte.
„Ich finde es erstaunlich, dass er immer so guter Dinge war, obwohl er ja auch selbst ein Päckchen zu tragen hatte“, meint sein Kollege Stratos, während wir gemeinsam über den Alten Markt gehen. Auch zu Ralfs Lebzeiten war seine gesundheitliche Situation dramatisch. Schwerwiegende Rückenerkrankungen erforderten immer wieder Operationen. Seine Rückenwirbel wurden versteift und zwangen ihn zu einer ständigen Einnahme von Schmerzmitteln. Doch dieses schwere Leiden merkte man ihm, abgesehen von seiner gebückten Haltung, kaum an. Fast immer hatte er ein Lächeln im Gesicht. Trotz vieler eigener Probleme hatte er immer ein Ohr für die Anliegen seiner Mitmenschen.
Viele WegbegleiterInnen erinnern sich an lange Gespräche mit ihm, an seine humorvolle Art und daran, dass er sich selbst in schwierigen Situationen oft mehr Sorgen um andere als um sich selbst machte. „Wenn jemand traurig war oder Probleme hatte, dann hat Ralf das sofort gemerkt“, erzählt eine Teilnehmerin des Spaziergangs. „Er war einfach jemand, der sich wirklich interessiert hat.“
Am Bahnhof angekommen werden Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt. Nach einer kurzen Ansprache von Vertriebsleiter Oliver Philipp wird ein Brief von Ralfs Mutter verlesen, die selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen kann, sich aber herzlich für die Anteilnahme bedankt. „Zu Ralfs Mutter besteht mittlerweile guter Kontakt“, erzählt Lutz Rutkowski. Eine befreundete Anwältin vertritt Ralfs Andenken im Prozess gegen den Täter, dessen Opfer er wohl zufällig wurde. Doch heute soll es nicht in erster Linie um die schreckliche Tat gehen. „Wir möchten nicht, dass man sich an Ralf nur in Zusammenhang mit einem Verbrechen erinnert“, sagt Lutz Rutkowski. „Dafür war er einfach viel zu fröhlich, zu positiv, zu empathisch und gesellig.“
Als sich die Gruppe nach dem Spaziergang langsam auflöst, bleiben viele noch eine Weile zusammen stehen. Es werden Erinnerungen ausgetauscht, und es wird auch gelacht. Genau so, wie Ralf es vermutlich gefallen hätte.

