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Wenn Neubau Verdrängung bedeutet

Als Antwort auf den angespannten Wohnungsmarkt in Dortmund möchte der „Volkswohl  Bund“ die Zahl der Mietwohnungen in der Chemnitzer Straße von 36 auf 52 erhöhen. Dafür  sollen die Häuser 4 bis 14 abgerissen und neu gebaut werden. Das Viertel soll aufgewertet  werden – und die Mieten verdoppeln sich. Mieterverein und Mieterbund werfen dem Un ternehmen deshalb Gentrifizierung vor. 

Von Madelin Minutella | Foto: Sebastian Sellhorst

Trotz unterschiedlicher Haustypen erhielten alle Parteien eine identische Kündigung. Im Schreiben, das Philip Vaupel (41), Mieter in Hausnummer 12, im Juli vorigen Jahres erhielt, heißt es zunächst, eine Modernisierung der Häuser sei nicht möglich. Abriss und Neubau für rund 18 Millionen Euro würden sich daher lohnen. Eine Fortführung des Mietverhältnisses zu 6,63 Euro pro Quadratmeter sei für das Unternehmen allerdings mit erheblichen Nachteilen verbunden. Als Alternative wurde der vierköpfigen Familie für die vierjährige Bauzeit eine Zweizimmerwohnung angeboten, die sie ablehnten. Nach der Fertigstellung dürften die MieterInnen am alten Ort in neue Wohnungen zurückkehren – zu 13,50 Euro pro Quadratmeter. „Das kann sich keiner von uns leisten“, sagt Lina (38), Mieterin in Hausnummer 4.

Gemeinsam mit dem Solidaritätsnetzwerk Dortmund, Mieterverein und Mieterbund organisieren sich die rund zehn verbliebenen Parteien in Nachbarschaftstreffen. Die meisten sind bereits ausgezogen, leerstehende Wohnungen wurden in den vergangenen Jahren nicht neu vermietet. In einer Stadt mit knappem bezahlbarem Wohnraum ist langanhaltender Leerstand schwer zu ertragen.

Nach der Kündigung sind viele MieterInnen sofort auf die Suche gegangen, die übriggebliebenen NachbarInnen fühlen sich unter Druck gesetzt. Markus Roeser vom Mieterverein betont deren Rechte: In den Häusern sei eine Standardmodernisierung nötig, ein Abriss sei jedoch eine „unnötige Zerstörung bezahlbaren Wohnraums“. Die Betroffenen wünschen sich mehr Engagement von der Lokalpolitik – schließlich war es auch Wahlkampfthema. Es stellte sich jedoch heraus, dass kaum Handlungsspielraum bei privatrechtlichen Baufragen besteht.

Philip Vaupel und Lina suchen schon seit Längerem nach neuen Wohnungen. Bis zum 30. April müssen sie raus. Roesers Einschätzung nach würde ein Gericht zugunsten der MieterInnen entscheiden. Der „Volkswohl Bund“ weiß vermutlich, dass die Kündigungen rechtlich anfechtbar sind, und versucht deshalb, die MieterInnen mit Druck und individuellen Deals zum Auszug zu bewegen. 

Das SoliNetz sieht hier die Verdrängung aus innenstädtischem Wohnraum zugunsten wohlhabenderer Haushalte: „Der Mietspiegel im gesamten Viertel wird in die Höhe getrieben und eine lebendige Nachbarschaft aufgelöst.“

Am 21. März von 10 bis 16 Uhr lädt ein Aktionsbündnis aus Mieterverein, Planerladen, Train of Hope, Sozialforum, GrünBau, Caritas, Genossenschaft von unten, Solidaritätsnetzwerk und bodo vor die Häuserzeile in der Chemnitzer Straße 4 bis 14.