In Polizeigewahrsam gestorben
In der vergangenen Woche ist ein 39-jähriger Mann im Gewahrsam des Dortmunder Polizeipräsidiums gestorben. Mutmaßlich, so die Staatsanwaltschaft, hatte sich der Mann in der Wohnungslosenszene aufgehalten und war auch selbst wohnungslos. Die Obduktion ergab, dass der Mann schwer erkrankt war. Studien zeigen immer wieder, wie schlecht die Gesundheitsversorgung obdachloser Menschen ist.
Von Alexandra Gehrhardt
Ernest hieß der Mann und war polnischer Staatsangehöriger. Laut Staatsanwalt Felix Giesenregen gibt es Hinweise darauf, dass er sich in der Wohnungslosenszene aufgehalten habe und auch selbst wohnungslos war. Er sei bei einer „dritten Person“ gemeldet gewesen.
Am Donnerstagmorgen, so der Staatsanwalt, sei der 39-Jährige nahe dem Westpark von Polizeibeamten kontrolliert und, weil ein Haftbefehl gegen ihn vorlag, festgenommen worden. Bei der Festnahme sei vermerkt worden, dass er geschwächt sei. Darum sei eine Ärztin bestellt worden, um zu überprüfen, ob er „gewahrsamsfähig“ ist. Zu solch einer Prüfung ist die Polizei gesetzlich verpflichtet, wenn Festgenommene nicht ansprechbar, nicht bei Bewusstsein sind oder es Anzeichen von Erkrankungen gibt. Zeitgleich zu ihrem Eintreffen sei der Mann kollabiert. Ein Notarzt stellte am Mittag den Tod des 39-Jährigen fest.
Eine Obduktion habe ergeben, dass der polnische Mann neben einer Tuberkulose auch eine schwere Lungenentzündung gehabt habe, durch die bereits Lungengewebe abgestorben war. „Er war so schwer erkrankt, dass ihm kein Mensch mehr hätte helfen können“, so Giesenregen. Aus „Neutralitätsgründen“ ermittelt nun das benachbarte Polizeipräsidium Recklinghausen und hat ein Todesermittlungsverfahren aufgenommen.
Die Gesundheitsversorgung obdachloser Menschen ist sehr schlecht. Viele sind nicht krankenversichert und darum vom medizinischen Regelsystem ausgeschlossen. Sie werden dann also nur in Notfällen behandelt. Schon die GISS-Studie zu verdeckter Wohnungslosigkeit in NRW stellte heraus, dass die gesundheitliche Versorgung von Wohnungslosen wesentlich von ihrem Zugang zum Gesundheitssystem abhängt und sprach von „eklatanter gesundheitlicher Unterversorgung“ vor allem bei Wohnungslosen ohne Unterkunft. 40 Prozent der Befragten hatte keine Krankenversicherungskarte – bei EU-Zugewanderten waren es gar drei Viertel. Damit ist auch Herkunft ein Faktor beim Zugang zu medizinischer Versorgung. Eine Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf, für die Wohnungslose in mehreren deutschen Großstädten befragt wurden, zeigte 2022, dass sie besonders oft von Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, chronischen Lungen- und Leberleiden, aber auch von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Schon 2018 hatte die Medizinerin Nina Asseln in ihrer Doktorarbeit Todesfälle von Obdachlosen in Hamburg untersucht und festgestellt, dass diese im Schnitt 30 Jahre früher starben als die Normalbevölkerung.

