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Dortmund: 28 verstorbene Wohnungslose in 2023

Mindestens 28 Menschen ohne festen Wohnsitz sind 2023 in Dortmund gestorben. Die Todesursachen sind divers. Besorgniserregend ist: Drei von ihnen sind Kältetote. Sie starben im November, neben anderen Todesursachen, auch an Unterkühlung.

Von Alexandra Gehrhardt

Ein Schlafplatz in einem Hauseingang in der Dortmunder Innenstadt. Foto: Sebastian Sellhorst

28 Menschen ohne festen Wohnsitz haben die Stadt Dortmund und die Dortmunder Polizei gezählt, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Bis auf eine 66-jährige Frau, die im Juni starb, waren alle Verstorbenen männlich. Der jüngste war 28, der älteste 68 Jahre alt. Elf der Toten hatten die deutsche Staatsangehörigkeit, 17 eine andere: acht waren polnische Staatsangehörige, zwei bulgarische. Je eine Person kam aus Sri-Lanka, Georgien, der Ukraine, Bosnien-Herzegowina, Italien, Großbritannien und China.

Statistisch ist die Frage nach verstorbenen Wohnungslosen in Dortmund verzwickt, denn eine zentrale Erfassung gibt es nicht. Die Stadt Dortmund teilte auf Anfrage 24 Fälle mit. Das sind die Fälle, bei denen sich laut der Pressestelle „die Stadt Dortmund um die Beerdigung kümmern musste, weil zunächst keine Angehörigen bekannt waren“ (insgesamt 661) und die zum Zeitpunkt ihres Todes ohne festen Wohnsitz waren.

Auch die Polizei erfasst Todesfälle von Menschen ohne festen Wohnsitz, aber „nur unklare Todesfälle“, teilt die Polizei mit. Sie hat zwölf wohnungslose Verstorbene im vergangenen Jahr gezählt; vier davon kommen in der Zählung der Stadt nicht vor. Es geht also insgesamt um 28 Menschen ‑ mindestens.

Zudem hat Wohnungslosigkeit viele Graustufen. Einige Menschen haben keinen eigenen Mietvertrag, kommen aber bei Bekannten unter, andere übernachten in Notschlafstellen, wieder andere sind noch an einem Wohnsitz gemeldet, an dem sie aber zum Beispiel nach einer Trennung nicht mehr wohnen.

Drei Kältetote

Wo und wie Menschen verstorben sind – ob im öffentlichen Raum, im Krankenhaus oder in Wohnungen ‑, darüber geben die Stadt und die Polizei keine genauen Auskünfte. Die Polizei erfasst aber die Todesursachen: Herztod, gastrointestinale Blutung, Nierenversagen, aber auch Alkoholmissbrauch. Zwei Menschen sind nach Drogenkonsum in Hausfluren gefunden worden. Ein weiterer Mann fiel einer Gewalttat zum Opfer: Anfang Dezember wurde er von einem anderen Wohnungslosen so schwer verletzt, dass er starb.

Alarmierend: Dreimal hat die Polizei Unterkühlung als Todesursache festgestellt. Am 3., am 4. und 10. November starben drei Männer daran; bei zweien war Alkoholabusus als weitere Ursache. Das heißt: Drei Menschen waren durch ihre Obdachlosigkeit so schlecht vor Kälte geschützt, dass sie starben.

Schwierige Zugänge

Die Zahlen zeigen einmal mehr: Wohnungslosigkeit ist lebensgefährlich. Wenn der Schutz vor Kälte, Regen oder Schnee fehlt, wird jede Winternacht zum Überlebenskampf. Zudem ist der Gesundheitszustand wohnungsloser Menschen deutlich schlechter als der der Allgemeinbevölkerung. Sie sind, wie zum Beispiel eine Studie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf feststellte, häufiger von psychischen und körperlichen Erkrankungen betroffen, vor allem von Herz-Kreislauf-und Stoffwechselerkrankungen oder auch Infektionserkrankungen. Fast ein Viertel berichtete von einer diagnostizierten psychischen Erkrankung.

Die Hamburger Studie zeigte auch: „Allgemein sind wohnungslose Menschen nicht deutscher Herkunft häufiger ohne Obdach und ohne Krankenversicherung, Menschen aus dem EU-Ausland weisen zudem häufiger körperliche Erkrankungen auf.“ Auch die GISS-Studie zu verdeckter Wohnungslosigkeit in NRW hatte schon herausgestellt, dass im Zugang zum Gesundheitssystem eine „eklatante gesundheitliche Unterversorgung“ vor allem bei Wohnungslosen ohne Unterkunft herrscht. 40 Prozent der Befragten hatte keine Krankenversicherungskarte – bei EU-Zugewanderten waren es gar drei Viertel. Ohne diese fehlt der Zugang zu medizinischen Regelleistungen.

Zudem bleiben auch die Zugänge zum staatlichen Hilfesystem schwierig. Gesetzlich sind Kommunen dazu verpflichtet, allen unfreiwillig Obdachlosen eine Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen. In der Praxis scheitern viele: am Sozialleistungsanspruch, der auch in Dortmund Voraussetzung für die Nutzung der Notschlafstellen über eine Nacht hinaus ist, an einer Meldeadresse, an bürokratischen Hürden, daran, dass die Unterkünfte oft nicht den Lebensrealitäten derer entsprechen, für die sie gedacht sind. Wohnungslose berichten seit Wochen, dass die zentrale Männerübernachtungsstelle in der Innenstadt voll sei – die Ausweichunterkunft befindet sich mehrere Kilometer außerhalb nahe dem Dortmunder Zoo, der Weg dorthin muss allein bestritten werden. Viele bleiben dann lieber draußen.

„Dabei wäre gerade jetzt im Winter wichtig, wirklich niedrigschwellige Übernachtungsangebote zu schaffen, um wenigstens Kältetote zu verhindern“, sagt bodo-Sozialarbeiter Lutz Rutkowski. „Es kann nicht sein, dass Menschen sterben, weil sie sich nicht vor Kälte schützen können. Hilfen müssen so gestaltet sein, dass sie den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen.“ Vor einer Woche hatte die Stadt Dortmund angekündigt, niedrigschwellige Notunterkünfte für obdachlose Menschen, die in der Innenstadt leben, zu schaffen. Ein Konzept oder einen Standort dafür gibt es noch nicht