Menü Schließen

Hasan Şahin und sein Taranta Babu

Hasan Şahin (78) ist der Betreiber des Taranta Babu, eines Dreigespanns aus Buchladen, Café und Kulturhaus im Dortmunder Klinikviertel. Die beiden sind eine Institution in der Stadt – seit 45 Jahren.

45 Jahre lang war Hasan Şahin Gesicht und Seele des Buchladens, Cafés und Kulturhauses Taranta Babu im Dortmunder Klinikviertel. Für unser September-Heft hatten Sophie Schädel und Daniel Sadrowski ihn zum Jubiläum des „Taranta“ porträtiert. An diesem Wochenende ist er gestorben.

Von Sophie Schädel
Fotos: Daniel Sadrowski

Hasan Şahin im Buchladen. Seit 45 Jahren gibt es das Taranta Babu im Dortmunder Klinikviertel. Foto: Daniel Sadrowski

Als Hasan Şahin 1979 mit zwei Freunden seinen Buchladen eröffnete, war das der Versuch einer Antwort auf eine Frage, die ihn auch heute umtreibt: „Wie können wir zusammen leben?“ Verschiedene Herkunft, verschiedene Lebensrealitäten, verschiedene politische Einstellungen – wie ist da  Gemeinschaft möglich? Der Laden sollte ein Ort sein, um in Büchern und Gesprächen nach Antworten zu suchen.

Das Taranta Babu ist nach einer äthiopischen Studentin benannt, die in Italien den Widerstand gegen die Mussolini-Faschisten mitbegründete und hingerichtet wurde. Der Buchladen entstand in den 70ern, parallel zu einer Reihe von alternativen Verlagen und Buchhandlungen, die jenseits von Profitorientierung Literatur und Wissen in ihre Stadtteile bringen und Orte für politischen Austausch sein wollten. Das Motto: „Best Books, not Best Sellers“.

Die meisten Verlage und Läden gibt es längst nicht mehr. Das Taranta Babu hat durchgehalten und ist mit seinen 45 Jahren die wohl älteste Buchhandlung in Dortmund. Im Regal stehen die Werke von El Hotzo und Lady Bitch Ray neben türkischen Gedichtbänden. Vor allem aber findet man hier einen großen Altbestand von Büchern aus den 70er und 80er Jahren, anhand derer sich die Geschichte linker und sozialer Bewegungen nachvollziehen lässt, mit denen der Laden seit jeher eng verbunden ist.

Nach der Gründung war das Taranta Babu schnell ein Anlaufpunkt für viele Nachbarn. Familie Schneider, Familie Kleist und die Jürgens. Hasan zeigt auf die Häuser rund um den kleinen Platz, an dem der Buchladen steht, und erinnert sich, wer wo wohnte und mit ihm Tee trank. Auch heute ist der Laden eine Institution, viele Anwohner kennt Hasan persönlich.

1983 erweiterte sich der Buchladen auf die Räumlichkeiten im Nachbarhaus. Ein Café entstand, ähnlich unangepasst an sein Umfeld wie Hasan. Er ist jemand, der Dinge lieber verändert als sich anzupassen. Er hat sich auch nach über 50 Jahren in Deutschland einen starken Akzent beibehalten und formuliert mit viel Sprachwitz und langen Denkpausen. Auch das Café entspricht gar nicht dem, was man in dem hippen Stadtteil erwarten würde. Hier gibt es keinen Matcha Latte, formschön für Instagram serviert; auf der kurzen Karte stehen türkischer çay und Filterkaffee.

Das Taranta Babu lebt vom ehrenamtlichen Engagement. Es gehört einem Verein, den Hasan und seine Freunde extra dafür gegründet haben. Niemand verdient damit Geld. Ganz im Gegenteil: Allein für Miete, Strom und Gas geben sie monatlich über 3.000 Euro aus. Wie das genau geht, weiß Hasan selbst nicht so genau. „Solange meine Rente in die Vereinskasse läuft, kriegen wir das hin.“ Er lacht unbekümmert. „Ich habe mir darüber nie viele Gedanken gemacht. Irgendwie geht es bisher immer weiter.“ Und wovon lebt er, wenn seine Rente in den Laden fließt? „Ja, hier lebe ich doch“, sagt er und deutet auf das Taranta Babu.

Wer etwas von Hasan will, muss nur zum Taranta Babu kommen. Es hat täglich geöffnet, und täglich ist auch Hasan da, von früh bis spät. „Ich bin hier der Pförtner“, sagt er. Was er nicht sagt, weil es so offensichtlich ist: Zwischen ihm und dem Taranta Babu gibt es keine Trennung. Seine Wohnung ist im selben Haus. Die Nachbarskinder hätten kürzlich gefragt: „Hasan, hast du kein Zuhause? Du sitzt den ganzen Tag hier draußen rum.“ Aber sein Zuhause ist das Taranta Babu und die kleine Bank davor. Hasan ist braun gebrannt, man sieht ihm die vielen Sonnenstunden an.

Seit 2008 gehört zum Komplex auch das Kulturhaus auf der Ecke. Hier finden Diskussionsveranstaltungen und Schreibwerkstädten statt, hier treffen sich linke Gruppen oder ein Bündnis von Ärzten gegen Atomkrieg. Astrid Petermeier (69), die sich um den Großteil der Aufgaben im Buchladen kümmert, ergänzt: „Wir geben Autoren immer die Möglichkeit zu Lesungen. Auch solchen, die keinen Verlag gefunden haben und im Selbstverlag veröffentlichen.“ Sie selbst ist Autorin ohne Verlag und war 2018 für eine Lesung hier, war direkt begeistert und wollte mitmachen. Nun kümmert sie sich um Buchbestellungen, Veranstaltungen und den Altbestand – eine große Hilfe, auch weil Hasan wegen einer Augenkrankheit kaum noch etwas sieht. „Das ist eine große Tragik“, sagt Astrid, „der Buchhändler, der nicht mehr lesen kann.“

Früher ist Hasan viel gereist, gemeinsam mit seiner Frau Christiane vor ihrem Tod 2015. „Eine wunderschöne Blondine“, erinnert er sich. „Was macht der Türke? Er sucht sich sofort ein hübsches blondes Mädchen.“ – „Ein Spaß“, schiebt er nachund lacht.

Hasan wuchs auf Büyükada auf, der größten der sogenannten Prinzeninseln vor Istanbul. „Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Griechen, Juden, Armenier… Wir sind alle zusammen zur Schule gegangen.“ Mit dem Militärputsch von 1960, Hasan war gerade 14, veränderte sich dieses kleine Paradies. Minderheiten wurden diskriminiert, viele seiner Freunde verließen das Land.

„Wie können wir zusammen leben?“ Das Taranta Babu ist ein Ort, um in Büchern und Gesprächen nach Antworten zu suchen. Foto: Daniel Sadrowski

Damals kam ihm die große Frage in den Kopf, die er oft wiederholt: Wie können wir zusammen leben? Sie ließ ihn nicht los. Als junger Mann, kurz nach dem Fotografiestudium in Istanbul, wollte er mit Freunden Flugblätter und Bücher drucken. „Ich war ein überzeugter Kommunist. Das bin ich bis heute.“ Was ihnen fehlte: Papier. Kurzerhand stahlen sie den LKW einer Druckerei samt einer großen Ladung Papier, doch sie wurden erwischt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Statt die Strafe anzutreten, reisten sie aus – nach Marseille, einen Dreh- und Angelpunkt der europäischen Linken der 70er Jahre. Dort verliebte er sich in Hildegard und zog zu ihr ins Ruhrgebiet. Die Beziehung ging schnell in die Brüche, aber da hatte Hasan schon Wurzeln im politischen Dortmund geschlagen.

Damals druckte die Kommunistische Partei ihre Zeitung in Hörde. Hasan half in der Druckerei, arbeitete in einem Fotolabor auf der Kaiserstraße und war abends in den Arbeiter- und Studentenkneipen unterwegs. Eine dieser Arbeiterkneipen war das Pökelfass im Kreuzviertel, wo heute das Restaurant Schilling sitzt. Das Pökelfass gehörte Gisela Tripp (69) – damals war Hasan ihr Kunde, heute engagiert sie sich in seinem Buchladen.

Die linke Historie und Gegenwart des Taranta Babu ist der Dortmunder Neonaziszene ein Dorn im Auge. Es wurde immer wieder von Neonazis angegriffen und bedroht. Zuletzt wurden 2022 die Schaufenster eingeworfen. Einer der Täter wurde gefasst, kam jedoch mit einer Geldstrafe davon: Das Gericht behandelte die Tat als normale Sachbeschädigung und erkannte kein politisches Motiv. Sein Mittäter ist bis heute unbekannt.

Wütend und traurig machen Hasan diese Erlebnisse. „Aber ich gebe nicht auf. Ich will ja herausfinden, wie wir zusammen leben können.“ Wenigstens einen Teil der Antwort hat er schon gefunden: „Ja, hier“, sagt er selbstverständlich und zeigt auf das Taranta Babu. 

Der Text erschien ursprünglich in der September-Ausgabe des Straßenmagazins.