Andrzej und Szymon
Binnen zwei Tagen sterben in Dortmund zwei Menschen auf der Straße. An der Reinoldikirche wird ein wohnungsloser Mann bei einem Einsatz von der Polizei erschossen. Nur einen Tag später wird am Hafen ein Mann erstochen. Die Fälle schockieren, verunsichern. Mehr über die Menschen zu erfahren ist schwierig und zeigt, wie anonym Wohnungslosigkeit mitunter ist.
Von Alexandra Gehrhardt
An der Außenmauer der Kirche stehen noch Kerzen, liegen noch ein paar Blumen. Der Regen dieser Woche hat ihnen zugesetzt. Wenn man sich umdreht, ist eigentlich alles wie immer: Baustellenbaken, ein Schuttcontainer. In der Dortmunder City wird gerade viel gebaut.
Am 3. April, einem Mittwochabend, gibt es hier einen Polizeieinsatz. Von „Schusswaffengebrauch“ schreibt die Polizei in einer ersten Stellungnahme, einer „Bedrohungssituation für die Einsatzkräfte“ und einer verletzten Person. Am nächsten Morgen ist klar: die Person, ein 52 Jahre alter Mann ohne festen Wohnsitz, ist tot. Er soll mit einem anderen Wohnungslosen in Streit geraten sein. Von der Baustelle habe er eine Eisenstange genommen, den anderen Mann angegriffen und gegen die Kirchentür geschlagen. Der Aufforderung der herbeigerufenen PolizistInnen, die Stange wegzulegen, sei er nicht nachgekommen. Ein Taser wirkte nicht. Als er sich auf die Beamten zubewegt habe, „gab schließlich ein Polizeibeamter einen Schuss aus seiner Dienstwaffe ab“.
Die Tat sorgt für Bestürzung. Wie kann ein Wohnungsloser eine solche Gefahr für PolizistInnen darstellen, dass sie schießen? „Die sind so gut ausgerüstet und haben Taser und trotzdem kriegen die den mit sechs Leuten nicht unter Kontrolle“, sagt Frank, Gast in der bodo-Anlaufstelle. Tom, der eigentlich anders heißt, glaubt: „Das hätte man bestimmt auch anders lösen können.“
Unsicherheit und Sorge
Die andere Frage ist: Wer war der Mann? Ein Nachfragen in der Anlaufstelle, bei Gästen, VerkäuferInnen, anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. „Kannte ihn jemand bei euch? Weiß jemand mehr?“ Die Reinoldikirche liegt mitten in der Stadt, viele Wohnungslose, die sich dort aufhalten, kennen sich zumindest vom Sehen. Niemand kann etwas sagen.
Am selben Abend die nächste Meldung: Am Hafen wurde ein 31-jähriger Mann getötet. Auch hier wird das Gerücht am nächsten Morgen bestätigt: Der Getötete hatte „zuletzt keinen bekannten Wohnsitz“. Eine Gruppe Jugendlicher habe nahe dem alten Hafenamt Lachgas konsumieren wollen und sei mit dem Mann in Streit geraten. Ein Jugendlicher zog ein Messer und stach zu. Der Mann stürzte ins Hafenbecken, konnte noch wieder herausklettern, stirbt dann aber. Augenzeugen rufen die Polizei. Schockierend: Die zuerst Festgenommenen sind minderjährig, der letztendliche Täter gerade 13, ein Kind.
Die Erschütterung ist groß in der Szene – weil die Taten in so kurzer Zeit passiert sind, und die Gewalt von Menschen ausging, die keine Gefahr sein sollen.
Was, wenn sowas auch mir passiert? Unsicherheit und Sorge liegen wie eine schwere Decke auf der Stimmung. Denn Gewalt ist alltäglich. „Ich habe mir einen anderen Schlafplatz gesucht“, erzählt Anton, auch er heißt eigentlich anders. Mehrmals sei er in der letzten Zeit angepöbelt worden, hätten Leute gegen seinen Becher getreten. Wo er jetzt schläft, sagt er nicht. Wer draußen ist, ist Gewalt gegenüber schutzlos. Was das bedeutet: „Man kann sich nie beruhigt zudecken, weil man immer wissen muss, wer vor und hinter einem ist“, erklärt Frank.
„Kein Name, kein Mensch“
Ein Bild, das viele Menschen von Wohnungslosen haben, ist das der einsamen unstet Umherziehenden. Tatsächlich hat ein Großteil der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen durchaus ein Netzwerk, feste Umgebungen, in denen sie sich aufhalten, sie haben Bekannte und FreundInnen. Und eigentlich immer gibt es ein Vorher, gab oder gibt es Eltern, Geschwister, Angehörige. Manchmal melden sich Menschen, die einen Verkäufer im Straßenmagazin, in der Zeitung, im Fernsehen gesehen haben, Töchter, Nichten, alte Freunde sind aus dem Vorher.
Wenn ein wohnungsloser Mensch stirbt, ist darum wichtig, herauszufinden, um wen es geht – um Bekannte benachrichtigen zu können, Freunden in der Szene einen würdigen Abschied zu ermöglichen, unabhängig von Familien. Um die Anonymität, die Menschen im Leben so oft erfahren haben, wenigstens im Tod aufzubrechen. „Kein Name, kein Mensch“, sagt ein Kollege, der seit vielen Jahrzehnten in der Sucht- und Wohnungslosenhilfe tätig ist.
Nach den Todesschüssen der Dortmunder Beamten ermitteln „aus Neutralitätsgründen“ die KollegInnen in Recklinghausen, wie immer, wenn es um mögliches Fehlverhalten geht. Ein Umstand, der auch bei einer Kundgebung zwei Tage später kritisiert wird. Die Sorge ist, dass ein Einsatz, der zum Tod eines Menschen geführt hat, nicht aufgeklärt wird, wenn Polizistinnen gegen Polizistinnen ermitteln. Spätestens im Mai will die Staatsanwaltschaft mitteilen, ob die Ermittlungen gegen die Beamten, die mit dem Taser und der Pistole schossen, eingestellt werden.
Über den erschossenen Mann ist auch Tage später kaum etwas herauszufinden. Er sei erst seit etwa einem Jahr in Dortmund gewesen, erzählt bodo-Verkäufer Stratos, gehörte zu einer Gruppe, die sich oft in der Nähe der Kirche aufhält. Irgendwann werden im Hilfenetzwerk doch Namen bekannt. Der Mann hieß Andrzej.
Szymon ist der Name des anderen, am Hafen getöteten Mannes. Er hatte, teilt die Staatsanwaltschaft mit, eine Verbindung zum Wichern, dem Wohnungslosen-Beratungszentrum der Diakonie. Er war also zumindest einmal im Hilfesystem. Das sei aber lange her, und mehr weiß man über ihn dort auch nicht. Es gebe Hinweise auf Angehörige.
Sie sind auch da, als sich rund eine Woche nach der Tat rund 100 Menschen zu einem Gedenken an ihn am Tatort versammeln. Einige Wohnungsloseninitiativen hatten dazu eingeladen, auch Menschen aus der Community sind da. Manche stellen Kerzen, legen Blumen ab. Szymons Familie bleibt am Rand, fragt, warum von ihm als Wohnungslosem gesprochen werde, er habe eine Wohnung in Essen gehabt. Vielleicht war die Wohnungslosigkeit eine Fehlinformation. Vielleicht stimmt beides. Auch das kommt vor: dass jemand noch irgendwo gemeldet ist, dort aber nicht mehr wohnt. Dass Menschen aus Scham ihre Notlage vor Angehörigen verschweigen. Dass Familien zerbrechen und die einen von der Lebenssituation der anderen nichts wissen.
Was bleibt, ist das Wissen, das nicht aufklären zu können. Und dass über das Leben zweier Menschen, die durch Gewalt gestorben sind, die ihnen im öffentlichen Raum widerfahren ist, nicht viel bekannt ist. Sie hießen Andrzej und Szymon.

