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Ein Rucksack voller Erfahrung

Einmal im Jahr veranstaltet die Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Dortmund-Brackel einen Demokratietag mit Workshops und Vorträgen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen. bodo-Stadtführer Dennis war als Referent zum Thema Obdachlosigkeit eingeladen. Wir durften ihn begleiten.

Von Sebastian Sellhorst

Schüler:innen von draußen erzählen: Martin Laukötter und Dennis Dickkop bei Lehrerin Annika König.

Montagmorgen um acht Uhr in der vollbesetzten Aula der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Organisiert von der Schülervertretung sollen in Workshops und Vorträgen Fragen von Mitbestimmung, demokratischer Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit diskutiert werden. Neben bodo sind Akteure wie das BVB-Fanprojekt, das Respekt-Büro Dortmund und die Polizei zu Gast. Selbstorganisierte Workshops zu Themen wie Fast Fashion und Fake News ergänzen das Programm. Gut 20 SchülerInnen haben sich bei Dennis für das Thema Obdachlosigkeit angemeldet.

„Bei den Stadtführungen erzähle ich meine Geschichte anhand von Orten und Einrichtungen. Diesmal habe ich mir etwas anderes überlegt“, erläutert Dennis auf dem Weg zu dem ihm zugewiesenen Raum. Ein Rucksack voller Gegenstände, die ihn während seiner Zeit auf der Straße begleitet haben, soll das Thema veranschaulichen: „Obdachlosigkeit ist zum Glück für viele etwas sehr Abstraktes. Da hilft es, wenn man ganz konkret wird.“

„Hallo, ich war obdachlos, und ihr könnt mich alles fragen“, beginnt er in seiner gewohnt lockeren und routinierten Art zu plaudern. Er berichtet von seinem Weg in die Obdachlosigkeit. Nur mit einem Rucksack stand Dennis vor fast zehn Jahren nach einer Trennung auf der Straße. Heute steht dieser große, grüne Rucksack neben ihm. „Damals auf der Straße war das hier mein ganzes Leben. Heute benutze ich ihn zum Glück nur noch für meinen Wocheneinkauf“, erzählt er und fängt an, den Rucksack auszupacken.

Wenig überraschend holt er als erstes einen großen Schlafsack heraus. In den städtischen Übernachtungseinrichtungen habe er sich damals nie wohlgefühlt. Stattdessen verbrachte er die Nächte meist auf Friedhöfen, weil er sich dort am sichersten fühlte. Weiter geht es mit einem Campingkocher und dem Thema Essen. „Was für ein Luxus es ist, sich selbst ein paar Nudeln zu kochen, kann man sich erst vorstellen, wenn man keine Küche mehr hat“, schildert er.

Dann packt Dennis eine große Trinkflasche aus. Gerade im Sommer sei es wichtig, genug zu trinken, aber nicht immer ist ein Trinkbrunnen oder eine kostenlose Toilette in der Nähe. „Zum Glück kam damals auf den meisten Friedhöfen Trinkwasser aus den Wasserhähnen zum Blumengießen“, erinnert er sich. Anhand von Blankodokumenten verschiedener Behörden verdeutlicht er, mit welchen bürokratischen Hürden er damals zu kämpfen hatte. „Es hat über zwei Monate gedauert, bis ich wieder einen Ausweis hatte, der mir gestohlen worden war.“ Nachdem der Rucksack leer ist, beantwortet Dennis noch interessierte Fragen, bis es zur Pause klingelt.

„Ich fand es interessant, aus erster Hand zu erfahren, was Obdachlosigkeit wirklich bedeutet“, resümiert Elga aus der 10. Klasse in der anschließenden Feedbackrunde. „Ich hätte nicht gedacht, wie kompliziert alles wird, wenn man auf der Straße ist“, ergänzt ihre Klassenkameradin Carlotta. Klassenkameradinnen kommen dazu und fragen, wie man sich bei bodo ehrenamtlich engagieren kann. Gerne kommen wir nächstes Jahr wieder.

Die Schulbesuche, Vorträge und Workshops des bodo e.V. sind individuell buchbar. Für Informationen und Anfragen wenden Sie sich gern an Martin Laukötter: touren@bodoev.de oder 0231-9509780.