bodo e.V.

Hitze

Hitze

Die Klimakrise hat längst die deutschen Städte erreicht. Die Zahl der Hitzetage hat sich seit der Hochindustrialisierungsphase mehr als verdoppelt, in extremen Sommern der letzten Jahre gar verfünffacht. Das erhöht die Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung deutlich und ist geprägt von sozialer Ungleichheit.

Von Bastian Pütter
Karten: Regionalverband Ruhr, Lizenz: DL-DE BY 2.0

Die Klimakrise ist eine soziale Krise. Weltweit treffen die Auswirkungen Menschen in Armut um ein Vielfaches heftiger und verstärken die sozialen Ungleichheiten weiter. Gleiches gilt für Städte in Deutschland und explizit auch für Ruhrgebietsstädte wie Bochum und Dortmund. Menschen mit geringem Einkommen wohnen häufiger in schlecht isolierten, nicht klimatisierten Wohnungen in dicht besiedelten Gebieten. Menschen, die auf die Infrastruktur im öffentlichen Raum angewiesen sind, sind gezwungen, sich in städtischen Hitzeinseln aufzuhalten. Die beiden Karten des Regionalverbands Ruhr unten zeigen die ungleichmäßige Abkühlung im Stadtgebiet. Nach Sommernächten beträgt der Temperaturunterschied zwischen dem stark versiegelten Stadtkern und dem ländlichen Umland bis zu 10 Grad.

Die sogenannten Tropennächte sind dabei nicht nur anstrengend, sondern eine reale gesundheitliche Gefahr. Die WHO, das Rote Kreuz und Klimaforschungsinstitute bezeichnen sie als „lautlose Killer“. Die Hitzewellen, früher Einzelereignisse, sind heute jeden zweiten bis fünften Sommer zu erwarten, dauern länger an und verzeichnen höhere Höchsttemperaturen. Die Folge: Die Zahl der Tage mit Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze hat sich seit den 1990er Jahren in Westeuropa um 450 Prozent erhöht, die Zahl der Hitzetoten verdoppelte sich.

Für das Jahr 2024, das bislang wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, gehen ForscherInnen von 6.300 Hitzetoten in Deutschland aus, für das leicht kühlere 2025 schätzt das Robert-Koch-Institut rund 2.500 Tote. Das ist immer noch etwa die jährliche Zahl aller Todesopfer im deutschen Straßenverkehr.

Minderung und Anpassung

Die Antwort auf die weiter wachsende Bedrohung ist einfach und kompliziert zugleich. Die massiven sozialen und ökonomischen Folgen der Klimakrise – selbst bei einem mittleren Szenario des Temperaturanstiegs drohen Deutschland bis 2050 Kosten in Höhe von 500 Milliarden Euro – lassen sich nur durch einen drastischen Rückgang der CO₂-Emissionen begrenzen. Bei der Energie-, Wärme- und Verkehrswende fällt die deutsche Zwischenbilanz gemischt aus. Während Strom inzwischen zu mehr als der Hälfte aus erneuerbaren Quellen stammt, hinken die Sektoren Wärme und Verkehr deutlich hinterher. Der reaktionäre Rollback etwa in Deutschland und den USA gefährdet nun das Erreichte. Trotzdem hat die Klimaforschung das bisherige Worst-Case-Szenario für den Temperaturanstieg nach unten korrigieren können. Das im Pariser Klimaabkommen von 2015 angestrebte 1,5-Grad-Ziel für die Begrenzung der Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter gilt jedoch inzwischen als verfehlt. Weil infolge der bislang nicht erreichten Eindämmung des Temperaturanstiegs dessen Folgen weithin sichtbar sind, hat in den vergangenen Jahren ein zweites Feld immer weiter an Bedeutung gewonnen. Da die reine Emissionspolitik die akuten Risiken durch Hitze, Dürre und Fluten nicht mehr allein auffangen kann, rücken Anpassung an unvermeidbare Folgen, also Resilienz, Vorsorge und Katastrophenschutz, immer stärker in den Vordergrund. Bereits 2022 mahnte der Expertenrat für Klimafragen in seinem Gutachten den Bundestag die Politik zu einem „Paradigmenwechsel“, hin zu einer Doppelstrategie aus Minderung und Anpassung.

In ganz Europa entwickelt die Politik Hitzeaktionspläne. Diese legen fest, welche Maßnahmen vor und während gefährlich hoher Temperaturen ergriffen werden können. Langfristig müsse aber der sogenannte Wärmeinsel-Effekt der Städte reduziert werden, um sich vor gefährlicheren Hitzewellen zu schützen, etwa durch die Erweiterung kühlender Grün- und Wasserflächen.

Licht und Schatten

Die Stadt Bochum rühmte sich zuletzt mit einem der vorderen Plätze beim Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe. Allerdings benennt die Organisation auch für Bochum einen Verlust von 9.500 Bäumen seit 2018 (Dortmund: 15.000) und eine fortschreitende Flächenversiegelung.

Mit seinem Schwammstadtkonzept gilt Bochum allerdings als einer der Vorreiter der klimaangepassten Stadtentwicklung. Regenwasser wird nicht mehr schnell in die Kanalisation abgeleitet, sondern vor Ort gespeichert, versickert, verdunstet oder zeitverzögert abgeleitet.

Dortmund hat als eine der ersten NRW-Kommunen einen dynamischen Hitzeaktionsplan entwickelt. Dieser zielt über Information und Sensibilisierung der Bevölkerung sowie temporäre Maßnahmen im öffentlichen Raum und langfristige Anpassungsmaßnahmen darauf ab, die Nutzbarkeit vor allem der Innenstadt in der Klimakrise zu erhalten.

Menschen ohne Wohnung, deren Lebensmittelpunkt oft die Hitzeinseln der Innenstädte sind, finden zumindest am Rande Berücksichtigung in den Plänen. Dennoch ist die Anspannung bei den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in der heißen Jahreszeit zunehmend hoch. Zwar stellt die Landesregierung insgesamt 250.000 Euro für die „Sommerhilfe“ zur Verfügung, die die Träger beantragen können, jedoch begegnen Sonnenschutz und Trinkflaschen nur einem Teil der akuten Gesundheitsgefahren auf der Straße. Es fehlt vor allem an Infrastruktur und Orten zum Schutz vor Hitze. Die Tageseinrichtungen sind oft unterdimensioniert und kaum klimatisiert.

Die „Kühle Orte“-Karte der Stadt Dortmund verweist auf die soziale Dimension der Krise. Viele der genannten Orte sind für Wohnungslose weder gedacht noch zugänglich. Der Zugang zu sanitären Anlagen ist mit dem Konzept „Nette Toilette“ privatisiert. Die Karte zeigt darüber hinaus beschattete Bänke an den heißesten, durchgehend versiegelten Orten der Stadt und nennt die U-Bahnstationen – in denen aber Wohnungslose immer wieder bereits für ihre Anwesenheit für sogenanntes „Schwarzfahren“ sanktioniert werden.

Die Stadt Bochum hat ein achtseitiges „Hitzekonzept“ für Obdach- und Wohnungslose veröffentlicht, das fast ausschließlich die bestehenden Angebote der Wohnungslosenhilfe auflistet. Einzige Erweiterungen: Die Propsteikirche St. Peter und Paul öffnet länger, vor den Einrichtungen, an denen es möglich ist, sollen Pavillons aufgestellt werden – und in den Seniorenbüros dürfen Wasserflaschen aufgefüllt werden. Viel ist das nicht.

Auch wenn die Kommunen die Notwendigkeit einer Klimaanpassung aktiv angehen, tragen sie der Tatsache, dass Klimafolgen sozial ungerecht verteilt sind, bislang nicht ausreichend Rechnung. So essentiell die Anstrengungen sind, alle StädtebewohnerInnen vor den Folgen der Klimakrise zu schützen, ohne Fortschritte im Kampf um die Dekarbonisierung werden sie nicht erfolgreich sein.

Die mobile Version verlassen