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Erinnern an Tanja

Erinnern an Tanja

In der Nacht auf den 7. Mai wurde Tanja, eine 40-jährige obdachlose Frau, in der Nähe des Dortmunder Hauptbahnhofs schwer verletzt aufgefunden. Sie starb wenig später im Krankenhaus. Der Fall ist ein weiterer schrecklicher Höhepunkt in einer langen Reihe von Gewalttaten gegen Obdachlose in Dortmund.

Von Bastian Pütter | Foto: Sebastian Sellhorst

Noch am Tatort werden zwei dringend Tatverdächtige festgenommen. Seit Jahren häufen sich in Dortmund die schweren Gewalttaten gegen Menschen auf der Straße: Milieu- oder Szenetaten einerseits, Angriffe, die aus der Abwertung obdachloser Menschen resultieren andererseits. Vor einem Jahr erschoss die Polizei einen Obdachlosen an der Reinoldikirche. Einzige Gemeinsamkeit: Ohne den Schutz der eigenen Wohnung und angewiesen auf den öffentlichen Raum sind wohnungslose Menschen in besonderem Maße direkter, physischer Gewalt ausgesetzt.

Zwei Wochen nach der Tat versammelt sich eine kleine Gruppe am improvisierten Gedenkort hinter dem Harenberg-Haus. Grablichter, Blumen, Grußkarten und Porzellanengel sind hier an einer Mauerecke drapiert. Die Bürgerinitiative „Schlafen statt Strafen“ hat eingeladen. Eine Aktivistin erzählt von den verschärften Problemlagen, von der Veralltäglichung der Gewalt und vom Versagen des Systems. Ein Bekannter von Tanja erzählt stockend, sie sei schlecht behandelt worden auf der Straße. Eine Frau, die Tanja ebenfalls kannte, betont: „Sie war ein guter Mensch. Sie hat sich um andere gekümmert, auch wenn es ihr selbst schlecht ging.“

Die anwesenden Sozialarbeiter sprechen darüber, dass Tanja nach einer Trennung im September ihre Wohnung verloren habe. Sie habe Hilfe gesucht und angenommen, aber wie das so sei in einem überlasteten System: Seit Januar habe sie auf Unterbringung in einer stationären Wohnform gewartet. Seitdem kam sie mal bei Bekannten unter, mal musste sie draußen schlafen.

Das erschreckende Maß, in dem wohnungslose Frauen Opfer von Gewalt werden, führt der aktuelle Wohnungslosenbericht der Bundesregierung mit großangelegten Befragungen vor Augen: Mehr als 60 Prozent geben an, Gewalterfahrungen auf der Straße gemacht zu haben, mehr als ein Drittel hat sexualisierte Gewalt erfahren, 14 Prozent wurden zur Prostitution genötigt.

An der Brinkhoffstraße zerstreut sich die Kundgebung langsam. Man verabschiedet sich in der Hoffnung, nicht aus ähnlich schrecklichen Anlässen zusammenkommen zu müssen. Nicht zum ersten Mal.

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