31. Oktober 2016 | Kommentar | age

Rolle rückwärts

Als die Stadt Dortmund sich vor einem Jahr entschloss, auf eigenen Grundstücken dringend nötigen Wohnraum zu schaffen, war das ein wichtiger Schritt in Richtung sozial gerechter Wohnungspolitik. Nun stehen diese Pläne in Frage, wegen eines vermeintlich sinkenden Bedarfs – doch das wäre kurzsichtig.

Die Stadt Dortmund war eigentlich auf einem guten Weg. Zwei eigene Grundstücke hatte sie ausgesucht, in Lütgendortmund und in Mengede, gut 140 Sozialwohnungen wollte sie dort bauen. Kommunaler Wohnungsbau, den hat es hier lange nicht gegeben. Nun stehen die Pläne auf der Kippe: Weil die Flüchtlingszahlen sinken, sagte Kämmerer Jörg Stüdemann den Ruhr Nachrichten im Oktober, sei der Bedarf nicht mehr da. Dafür seien private Investoren an Grundstücken interessiert.

Sozialer Wohnungsbau lag brach, seit der Staat sich Ende der 80er Jahre Stück für Stück zurückzog und Kommunen ab den 2000er Jahren große Teile ihrer Bestände verkauften. Im Ruhrgebiet, wo die Mieten günstig waren (und im Vergleich auch heute sind) und mehr Menschen aus den Städten fort- als herzogen, wurde das lange nicht als Problem wahrgenommen. Wer suchte, fand schon etwas. Das ist jetzt anders. Bei steigenden Mieten wird der Versuch, in Dortmund eine bezahlbare Wohnung zu finden, für Menschen mit wenig Geld zuweilen zum Ding der Unmöglichkeit.

Darum war es ein Fortschritt, als im vergangenen Jahr ein Umdenken einsetzte, aus der Frage nach dem Wohnen für Geflüchtete die Frage nach dem Wohnen für alle wurde, Häuser aufgekauft und hergerichtet wurden, Wohnungsbau staatlich gefördert wurde, um im Gegenzug für eine feste Zeit den Mietpreis zu bestimmen. Mit der Überlegung, in Eigenregie zu bauen und damit diese Bestimmung dauerhaft zu sichern, machte die Stadt einen Schritt hin zu einer sozial gerechten Wohnungspolitik. Werden die Pläne nun verworfen, droht dieser Fortschritt zu kippen.

So verständlich der Wunsch des Kämmerers nach Einnahmen ist: Es geht hier darum, Notwendiges zu schaffen. Zu behaupten, es gebe keinen Bedarf, und dabei nur auf eine Bevölkerungsgruppe zu schauen, ist, freundlich formuliert, kurzsichtig. Den 300 geförderten Wohnungen, die 2015 entstanden sind, steht derzeit der zehnfache Bedarf gegenüber. Der wird nicht gedeckt, wenn nun allein private Investoren zum Zug kommen. Wer vermietet schon freiwillig für 5,25 Euro, wenn er das Doppelte verlangen kann?