30. August 2013 | Neues von bodo |

Zweiter Freitag: "Empfänger unbekannt"

Foto: Oliver Pohl

Wir freuen uns, am 13. September in unserer Benefiz-Kulturreihe Zweiter Freitag eine weitere wirkliche Premiere zeigen zu können: Birgit Rumpel und Sabine Henke sind bei uns mit der szenischen Lesung der Briefnovelle „Empfänger unbekannt“ von Kathrine Kressmann Taylor.

Auf dem Tisch liegen Briefe, alte Briefe. Die einen abgeschickt und gestempelt in den USA, die anderen in Deutschland. Die ersten mit Hindenburg auf den Briefmarken, die späteren mit Hitlerporträt. Der letzte Brief aus Amerika trägt den Poststempel „Empfänger unbekannt“.
Zwei Frauen haben sie gefunden, so die Rahmenhandlung, und lesen sie einander vor. Es sind Dokumente einer Freundschaft, die zerbricht.

Der deutsche Jude Max Eisenstein erlebt im amerikanischen Exil vorerst hilflos, wie sein ins Deutschland des aufkommenden Nationalsozialismus zurückgekehrter Freund Martin Stück für Stück die Distanz zur Ideologie der Nazis einbüßt, bis er ihr schließlich ganz erliegt.
Die Kabarettistin Sabine Henke und die Journalistin Birgit Rumpel haben auf Grundlage der Briefnovelle der Amerikanerin Katherine Kressmann Taylor eine szenische Lesung inszeniert.

Schon die Rezeptionsgeschichte ist ein eigener Roman. „Address unknown“ erschien bereits 1938 in der US-Zeitschrift „Story“. Die Werbetexterin und Journalistin Katherine Kressmann Taylor löste mit dem Text, der ein Jahr später auch als Buch erschien, eine breite öffentliche Diskussion aus. Zu einer Zeit, als die USA ihre Einwanderungsbeschränkungen auch für europäische Juden aufrecht erhielten und das demokratische Europa mit seiner Appeasement-Politik den gewalttätigen NS-Staat und seine ersten Okkupationen tolerierte.
Wie Chaplins Großer Diktator (Uraufführung 1940) weiß „Address unknown“ bereits mehr über den mörderischen Kern der nationalsozialistischen Ideologie, als die meisten sich 1938 eingestehen wollten. Mit dem Kriegseintritt der USA gerät die Briefnovelle unverständlicherweise in Vergessenheit. Erst 1995, zum 50. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager, erscheint das Buch in neuer Auflage – und wird ein weltweiter Erfolg. Die über 90jährige Kressmann Taylor erlangt völlig unerwartet späten Ruhm und verbringt ihr letztes Lebensjahr damit, Autogramme zu schreiben und Interviews zu geben – glücklich, wie sie sagt.

Heute wird das Buch gefeiert als „Meisterwerk einer aufs Äußerste verknappten Erzählkunst“ (FAZ). „Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen“, schreibt Elke Heidenreich in ihrem Nachwort.
„Dabei ist dieser Text so dicht, so stimmungsvoll und trotz der vielen Jahre Abstand alles andere als historisch. Es geht um eine Freundschaft. Und wir müssen feststellen, wie der eine sich vollständig verändert“, sagt Birgit Rumpel. „Das ist nah dran an unserer eigenen Erfahrungswelt.“
Hier ist es das schleichende Gift der Propaganda, das den einen infiziert.

„Und was so unter die Haut geht“, sagt Sabine Henke, „sind die Fragen, die wir uns selbst stellen müssen: Hätte ich das erkannt? Wäre ich stark und kritisch genug gewesen? Oder auch: Hätte ich den Zeitpunkt zu gehen erkannt?“ Fragen, die durch die verstörende Wendung, die der Text am Ende nimmt, noch dringlicher werden.
„Insofern ist der Stoff natürlich ganz und gar gegenwärtig“, betont Sabine Henke. „Wenn wir etwa die Situation der Flüchtlinge in Hellersdorf sehen, stellt er die Frage: Wo wird noch mitgemacht?“

Beiden ist das Projekt eine Herzensangelegenheit, wie sie sagen. Elke Heidenreich forderte, dieses Buch solle Schullektüre werden. Zumindest die Schulen der Region haben die Chance: Sabine Henke und Birgit Rumpel haben ihre szenische Lesung den Dortmunder Schulen angeboten.

Die Premiere findet am 13. September in unserer Benefiz-Kulturreihe „Zweiter Freitag“ statt. Beginn am Schwanenwall 36 – 38 ist um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei. Die aktuellen Buch- und Hörbuchausgaben können erworben werden.