29. Februar 2016 | Straßenmagazin | Bastian Pütter

Hochpolitische Märchen

Wenn tagsüber im Privatfernsehen die Sorgen und Nöte einer vermeintlichen „Unterschicht“ mit Handkamera und Laiendarstellern vorgeführt werden, ist das eine Wirklichkeit mit Drehbuch. Das Programm dahinter erklärt die Soziologin Britta Steinwachs im Interview.

bodo Weil ja niemand offiziell hinschaut: Was ist passiert bei einem Fernsehformat wie „Familien im Brennpunkt“?

Britta Steinwachs Das sind Sendungen, die etwa 45 Minuten dauern, natürlich unterbrochen von Werbung. Da geht es dann um Geschichten, die ganz aus dem Alltag, dem prallen Leben erzählt scheinen. Es werden familiäre Schicksale von vermeintlich „normalen“ Menschen in Deutschland präsentiert – und das in einer Art und Weise, die einem das Gefühl gibt, es sei realistisch.

bodo Offensichtlich erfolgreich. Bei einer Umfrage der Landesanstalt für Medien (LfM) glaubten das 78 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen. „Echt“ sind die Geschichten trotzdem nicht?

B.S. Nein. Der Eindruck wird durch Techniken erzielt, die dem Dokumentarfilm entspringen, und durch Darsteller, die Laien sind und keine professionellen Schauspieler. Wichtig ist, dass es keine echten Geschichten sind. Es gibt ein Drehbuch wie bei jeder Serie oder Soap, und gleichzeitig wird konstant der Eindruck erweckt, als würde Wirklichkeit direkt abgefilmt – „scripted reality“. Aber unabhängig davon, für wie authentisch die Inszenierungen gehalten werden, interessiert mich, welches Wissen über Moralvorstellungen und gesellschaftliche Wirklichkeit sie bereitstellen.

bodo Bevor wir über die Zuschauer sprechen – es gibt diesen Satz: „Arbeitslose spielen Arbeitslose, und Arbeitslose schauen ihnen zu“. Wie wird man Darsteller und wer spielt da mit?

B.S. Für das Casting kann sich jeder anmelden, der dann einen Auswahlprozess durchläuft. Ehemalige Teilnehmer berichten, dass das Casting in kleinen Gruppen stattfindet und man aufgefordert wird, mit den eigenen Worten und eigener Körpersprache typische Emotionen in Rollenspielen darzustellen. In kleinen Improvisationen spielen die Laien dort ihren Habitus vor – „Wie sieht es aus, wenn Sie sich aufregen?“ – und werden dann den passenden Rollen zugeordnet: zum Beispiel als dauererwerbsloser Jugendlicher oder als Immobilienkauffrau. Erst später, wenn ein Drehbuch vorliegt, das eine entsprechende Rolle vorsieht, wendet sich die Produktionsfirma wieder an die Laien. Dann erst wird die Sendung wirklich gedreht und die Darsteller erhalten eine geringe Aufwandsentschädigung.

bodo In Ihrem Buch analysieren Sie bis ins Detail, wie diese Darsteller vermeintliche Angehörige der „Unterschicht“ spielen. Mit sehr eindeutigen Befunden.

B.S. Ja, ich habe die Charaktere aus der dargestellten „Unterschicht“ untersucht: Sie werden als ordinär und vulgär präsentiert, sie haben sprachliche Defizite, können ihre Affekte nicht kontrollieren, reden laut, verwenden eine Körpersprache, die bedrohlich ist. Darüber hinaus agieren sie egoistisch, genussorientiert und mit wenig Blick für das Gemeinwohl und das Wohl ihrer Kinder. Das ist durchgehend so.

Britta Steinwachs Britta Steinwachs (geb. 1987) ist Soziologin und lebt in Berlin. Ebenfalls in der edition assemblage erschien „Faul. Frech. Dreist. Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD-LeserInnen.“

bodo Das Problematische besteht aber nicht allein im Vorführen erdachter Angehöriger der „Unterschicht“, sagen Sie, sondern in dem, was diesen Protagonisten widerfährt.

B.S. Ja, in jeder Folge wird eine ganz bestimmte gesellschaftliche Frage gestellt, zum Beispiel die nach dem Aufstieg durch Bildung. Zuerst wird der Ist-Zustand in dieser Familie gezeigt, werden die ganzen Klischees bedient: Das Geld der Familie wird für Zigaretten, Pommes, Muskelbank usw. ausgegeben. Bildung spielt keine Rolle, generell sind bürgerliche Werte eher verpönt. In einem Beispielfall wehrt der Jugendliche sich, will raus aus diesem Milieu, will Abitur machen und wird immer wieder von den Eltern zurückgehalten. Das Ganze eskaliert, bis dann staatliche Institutionen eingreifen und alles zum Besseren wenden.

bodo Also eine positive Geschichte?

B.S. Das Interessante an diesem Format – was auch die Produktionsfirma selbst betont – ist: Der Familie wird in ein besseres Leben geholfen. Diese Hilfe besteht durchgehend in staatlicher Intervention, das kann das Jugendamt, die Arge, die Schule oder ein Sozialarbeiter sein.

bodo Das Funktionieren staatlicher Institutionen klingt ja erst einmal nicht so schlecht.

B.S. Es sind Prozesse des Anpassens und Angepasstwerdens an vorherrschende Vorstellungen – Vorstellungen vom gesunden, aktiven Leben, von Leistungs- und Bildungsorientierung. Das Leben der Protagonisten erscheint bis dahin als Abweichung, die nicht strukturelle Gründe hat, sondern individuelle: Die Leute können – und sollen – sich aus ihrer Lage selbst befreien. Das wird jeweils vorgeführt als Auflösung des Konflikts. Es sind hochmoralische, pädagogische Geschichten mit klaren Schuldzuschreibungen.

bodo Sie beschreiben diese Fernsehwirklichkeit im Zusammenhang mit dem Umbau des Sozialstaats seit den 2000er Jahren.

B.S. Wenn soziales Leid oder Armut persönliches Verschulden sind, existiert kein gesellschaftliches Problem, das man politisch angehen müsste. Der Subtext dieser Erzählungen ist, dass man selbst rauskommt aus seiner Lage. Das ist der Kern der neoliberalen Vorstellung, dass es in der freien Gesellschaft keine Klassenbarrieren gibt, dass soziale Ungleichheit eben nicht strukturell festgeschrieben ist. Die Verantwortung liegt bei Einzelnen, es bedarf nur der „Aktivierung“ – das ist eben auch der Kern der Hartz-Gesetze.

bodo Sie erinnern daran, dass diese Wertvorstellungen des „unternehmerischen Selbst“ aus Managerseminaren längst auf Jobcenter, Schulen, Pflegeeinrichtungen übergegangen sind. Und den zu Hause Bleibenden vermittelt sie das Fernsehen?

B.S. Insofern sind diese Erzählungen hochpolitische Märchen. Sie wiederholen die „Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte täglich mehrfach: Ihr könnt das schaffen, strengt euch an. Ihr seht: Hier ist eine Familie mit wirklich schlechten Voraussetzungen und die schafft das. Und das jeden Tag, in stundenlanger Beschallung, führt dazu, dass die Vorstellung, dass ich selbst allein verantwortlich bin für meine Lage, zur generellen gesellschaftlichen Idee wird. Nur, dass es in der Realität nicht so aussieht wie in diesen Geschichten.

bodo Das klingt wirklich eher nach einem Trainingsprogramm als nach Unterhaltung. Warum sind Formate wie „Familien im Brennpunkt“ so erfolgreich?

B.S. Ich glaube, die Figuren sind so überzeichnet, dass sie jedes reale Schicksal überbieten. Im Vergleich fühlt sich jeder erfolgreicher, schlauer, weniger naiv – also aufgewertet. Die Sendungen sind so konstruiert, dass sie dieses psychologische Bedürfnis bedienen. Man mag sich in der Gesellschaft nicht wertgeschätzt fühlen, spürt dann aber vor dem Fernseher in der Abgrenzung nach unten ein subjektives Erfolgserlebnis.

bodo Und wer sieht sich das nun eigentlich an?

B.S. Das disziplinierende Moment geht weit über die sogenannte „Unterschicht“ hinaus. Diese moralischen Erzählungen funktionieren als Stigma, das einen selbst am Laufen hält: Wenn ich mich hängenlasse, nicht kämpfe, dann widerfährt mir diese Ächtung, die ich da jeden Tag im Fernsehen sehe. Ich glaube, es wirkt mindestens so intensiv auf Leute, die in der Erwerbsarbeit stecken. Die sehen diese Zerrbilder und spüren: Zu denen will ich nie gehören. Deshalb nehme ich auch einen unterbezahlten Job an, deswegen lasse ich mich gegen meine Überzeugungen, gegen meine Würde in dieser Gesellschaft behandeln, weil ich sehe, es gibt diese Gruppe von Menschen, zu der ich nicht gehören möchte.

Britta Steinwachs
Zwischen Pommesbude und Muskelbank. Die mediale Inszenierung der „Unterschicht“
ISBN 978-3-942885-91-1
edition assemblage | 16,80 Euro