30. August 2013 | Straßenmagazin |

Singen zur Senkung der Arbeitsmoral

Sie steht allein in einem großen Gemeindesaal nahe dem Bochumer Schauspielhaus und spielt ganz für sich ihre einfachen, swingenden Akkordfolgen auf der halbakustischen Gitarre. Später wird sie hier mit einer bunten Schar Laien genauso entspannt und leichtfüßig eine der letzten Proben für ihre aktuelle Theaterproduktion „Bedingungsloses Grundeinsingen“ im Rahmen des Impulse-Festivals absolvieren. Vorher sprechen wir über Pop, Theater und Politik.

Bernadette La Hengst, geboren 1967 ohne das „La“, stammt aus Bad Salzuflen, wie die gefühlte Mehrheit des musikalischen Aufbruchs der „Hamburger Schule“ Anfang der 1990er Jahre. Wie Bernd Begemann, Frank Spilker (Die Sterne) und Jochen Distelmeyer (Blumfeld) zieht es sie aus Ostwestfalen über Umwege nach Hamburg, wo sie und ihre Band “Die Braut haut ins Auge” Teil einer der einflussreichen musikalischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte werden. Diskurs und Pop, Intelligenz und deutsche Texte, die Bad Salzufler und Bands wie Kolossale Jugend, Die Goldenen Zitronen, Mutter, Kante oder Tocotronic prägen bis heute MusikerInnen und Theaterleute.

Bernadette La Hengst lebt seit der Geburt ihrer Tochter 2004 in Berlin, von wo aus sie als Musikerin tourt und als Theatermacherin zu ihren wechselnden Projekten pendelt. Inzwischen müsse sie sich von der Neunjährigen durchaus kritische Fragen zu dieser ungeliebten Seite ihres Berufs anhören. „Ich bin oft weg von zu Hause, das gehört eben dazu. Der Vater kümmert sich zur Hälfte. Eigentlich funktioniert das gut.“
Dass in den Nischen, in denen sie sich bewegt, auch kein Reichtum auf sie wartet, sei nun mal so: „Ich nenne es selbstgewähltes Prekariat. Ich kann mir kein Angestelltenverhältnis vorstellen, und ich kann mit dieser Freiheit umgehen, manchmal eben auch in ein tiefes Loch zu fallen, weil ich nicht weiß, wie es nächstes Jahr weitergeht.“

In das Lamento ihrer meist männlichen Kollegen über den Niedergang der Musikindustrie mag sie nicht einstimmen. „Oft sind es Leute, die sich über Internet-Downloads beschweren, die vorher sehr privilegiert waren. Wenn Sven Regener von Element of Crime schimpft, weil er Angst hat, dass ihm etwas weggenommen wird, ist das Geld, das ich nie hatte. Ich konnte nie ausschließlich von Plattenverkäufen leben und habe mich schon Ende der 90er Jahre umorientiert. Ich habe eine Booking-Agentur gegründet und angefangen mit Theaterarbeit, Hörspielen und politischem Aktivismus. Für mich ist eher selbstverständlich, dass ich an vielem interessiert bin, an verschiedenen Kunstformen und an der Welt.“ Dazu gehört auch ihr Engagement beim politischen Künsterlerkollektiv „Schwabinggrad Ballett“ und in der Flüchtlingsarbeit.

Foto: Christiane Stephan

Seit 2002 veröffentlicht Bernadette La Hengst Platten und tourt unter eigenem Namen. Dem Feuilleton ist sie mit ihrer Mischung aus fröhlich-eingängigem Gitarrenpop mit Elektronikeinschlag und intelligenten, politischen, feministischen Texten nicht ganz geheuer. Die ZEIT nannte ihre Lieder „Trojanische Pferde“. „Ich bin die Unterjubelerin, stand da“, lacht sie. „Aber mir war nicht ganz klar, ob ich dem Schlager den Diskurs unterjuble oder andersherum.“
Der doppelte Boden ihrer Texte ist jedoch keine Zugabe und kein augenzwinkerndes Spielen mit Referenzen, sondern Kern des Produktionsprozesses. Die meisten Songs entstehen seit Jahren für sehr politische Theaterprojekte, die sie meist mit Laien in der ganzen Republik inszeniert.

Die Stücke ihrer aktuellen CD „Integrier mich, Baby!“ wurden unter anderem für ein gleichnamiges Projekt am Hamburger Thalia-Theater geschrieben, einen von Zuwanderern geleiteten Integrationskurs für das Publikum, in dem nicht deutsche, sondern Zuwanderungsgeschichte gelehrt und abgefragt wurde. In Freiburg inszenierte sie 2009 mit Armen die „Bettleroper“ und im letzten Jahr „Planet der Frauen“, eine feministische „Kampfoperette“.
Auch im Ruhrgebiet hat sie schon gearbeitet. In Mülheim erarbeitete sie u.a. in Workshops mit Anwohnern das Libretto der Eichbaumoper, in Essen gründete und begleitete sie in einem Kulturhauptstadtprojekt die Mädchenband „Girls' Planet“.
„Die Mentalität der Leute wirklich extrem freundlich und kommunikativ, das fällt hier schon auf, aber es sind dann eben doch keine Großstädter“, meint Bernadette La Hengst. „Sie sind halt sehr bodenständig und humorvoll, aber nicht so geübt im Erfinden oder auch im Zutrauen, dass jeder sich künstlerisch ausdrücken kann.“

In Bochum ist sie mit dem „Bedingungslosen Grundeinsingen“, das auch im September in Mülheim Station macht (Ringlokschuppen, Mülheim, 21.9., 20.00 Uhr). Ein Stück, dessen Ausgangspunkt ein kleiner Schwindel ist. Der Theaterabend in der leicht schmierigen Form einer Firmengala feiert das fünfjährige Jubiläum eines europäischen Pilotprojekts: Den ausgewählten Chormitgliedern wurde fünf Jahre lang ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro monatlich gezahlt, verrät die Presseinfo. Nun, im Theater berichten die Arbeitslosen, Studierenden, Selbständigen, Alleinerziehenden, Rumhänger von ihren Erfahrungen.

„Anscheinend ist die Utopie gar nicht so weit von der Realität entfernt, wenn man es einfach behauptet“, sagt Bernadette La Hengst. „Schon ist das Grundeinkommen nicht mehr ein Konzept von Spinnern, die den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen wollen, sondern man nimmt es ernst und hört sich an, wie sich das Leben verändern könnte.“
Für Bernadette La Hengst ist es eine konkrete Utopie: „Wir rechnen vor, dass ein Grundeinkommen finanzierbar wäre. Wenn man alle staatlichen Sozial- und Transferleistungen zusammenrechnet, könnte man 800 Euro an jeden auszahlen. Es ist eine Frage der Verteilung und Entscheidung.“

Doch das Stück ist kein getarnter Vortrag, sondern eher eine Übung im gemeinsam Singen als Erkenntnisinstrument: „Die Lust am Singen hat jeder, aber alle behaupten, es nicht zu können. Mein Trick ist, dass ich das Publikum nicht frage. Ich stelle mich vor als bedingungslose Chorleiterin – ,Und jetzt wird gesungen!' Die, die schief singen, muss man halt ertragen. So funktioniert Gesellschaft. Dann entsteht eine Kraft aus dieser neuen Art von Gemeinschaft.“

Und wenn dann bei der Premiere ein konzentriertes Theaterpublikum im dreistimmigen Kanon schmettert: „Wir singen zur Senkung der Arbeitsmoral“, versteht man, was Bernadette meint, wenn sie sagt: „Die Musikbühne und das Kopfnicken, das Einverstandensein des Publikums sind mir manchmal zu einfach und im Theater ist es mir teilweise zu verkopft. Ich versuche, beides zusammenzubringen.“

bp

Sa 21.9. Bedingungsloses Grundeinsingen
Ringlokschuppen, Mülheim, 20 Uhr

Ausgewählte Menschen erhalten Monat für Monat 1.000 Euro bedingungsloses Grundeinkommen im Rahmen eines europäischen Pilotprojektes, mit der einzigen Bedingung, dass sie gemeinsam singen. Klingt wie Utopie?
Ist es auch. Bernadette la Hengst und ihr Chor singen trotzdem, wie sich ihr Leben mit dem garantierten Einkommen in den letzten fünf Jahren verändert hat. Bewusst nicht nur Arbeitslose, sondern auch Workaholics, Studierende, Hausfrauen oder Reinigungskräfte berichten kontrovers nicht nur über die Vor- sondern auch über die Nachteile eines in der Realität zwar nicht umgesetzten, aber oft diskutierten Modells.